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Orthopädie

 

 

 

 

 

Bei Lese-Rechtschreibstörungen bzw. Legasthenie handelt es sich um ein Syndrom. Hauptproblematik ist der Umgang mit geschriebener Sprache. Eine umfassende Definition ist bis heute noch nicht problemlos zu formulieren.

Definition nach ICD 10
ICD-10; von Dilling, Mombour und Schmidt (Hrsg.), Verlag Hans Huber

F81       umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten
F81.0    Lese- und Rechtschreibstörung
F81.1    Isolierte Rechtschreibstörung

F81   umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten

Es handelt sich um Störungen, bei denen der normale Erwerb von Fertigkeiten von frühen Entwicklungsstadien an beeinträchtigt ist. Diese sind nicht einfach Folge eines Mangels an Gelegenheit zu lernen, und nicht durch eine erworbene Hirnschädigung oder Krankheit verursacht.
Bei der Diagnosestellung treten unterschiedliche Schwierigkeiten auf:
1. müssen diese Störungen von normalen Variationen im Erwerb schulischer Fertigkeiten unterschieden werden.

2. muss der Entwicklungsverlauf berücksichtigt werden. Dies ist aus zwei Gründen wichtig:
a)Schweregrad der Störung: Eine einjährige Leseverzögerung im Alter von 7 Jahren hat eine gänzlich andere Bedeutung als eine einjährige Verzögerung mit 14 Jahren.
b) Der Wechsel im Erscheinungsbild: Zwar normalisiert sich eine Sprachenwicklungsverzögerung in den Vorschuljahren meist bezüglich der gesprochenen Sprache, dem folgt jedoch eine umschriebene Lesestörung, welche sich bis zur Adoleszenz abschwächt. Im frühen Erwachsenenalter stellt dann allerdings eine schwere Rechtschreibstörung das Hauptproblem dar. Die Grundstörung ist während der gesamten Zeit die selbe, jedoch ändert sich das Erscheinungsbild mit zunehmendem Alter; die diagnostischen Kriterien müssen diesen entwicklungsbedingten Wechsel berücksichtigen.

3.  gibt es die Schwierigkeit, daß schulische Fertigkeiten gelernt und gelehrt werden müssen. Sie sind nicht nur eine Funktion der biologischen Reifung. Zwangsläufig hängt das Niveau der kindlichen Fertigkeiten vom familiären Umfeld, der Beschulung und von den eigenen individuellen Merkmalen ab.

Es ist klinisch wichtig, zwischen umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten ohne diagnostizierbare neurologische Störung und einer solchen zu unterscheiden, die Folge einer neurologischen Störung, wie z.B. einer  zerebralen Lähmung, sind. In der Praxis ist diese Unterscheidung oft schwierig wegen der unsicheren Bedeutung vieler unscharfer neurologischer Symptome. Forschungsergebnisse zeigen keine eindeutige Differenzierungsmöglichkeit im Erscheinungsbild oder im Verlauf von umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten mit oder ohne offensichtlicher neurologischer Dysfunktion. Dementsprechend ist eine solche Dysfunktion nicht Teil der diagnostischen Kriterien, aber es ist notwendig, jede begleitende Störung separat in dem entsprechenden neurologischen Abschnitt der Klassifikation
zu verschlüsseln.

 

F81.0   Lese- und Rechtschreibstörung:

Das Hauptmerkmal dieser Störung ist eine umschriebene und eindeutige Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, durch Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen und die Leistungen bei Aufgaben, für welche Lesefähigkeit benötigt wird, können sämtlich betroffen sein. Mit Lesestörungen gehen häufig Rechtschreibstörungen einher. Diese persistieren oft bis in die Adoleszens, auch wenn im Lesen einige Fortschritte gemacht wurden. Kinder mit einer umschriebenen Lese- und Rechtschreibstörung haben in der Vorgeschichte häufig eine umschriebene Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache.

Die Leseleistungen des Kindes müssen unter dem Niveau liegen, das aufgrund des Alters, der allgemeinen Intelligenz und der Beschulung zu erwarten ist. Dies wird am besten auf der Grundlage eines individuell angewendeten standardisierten Testverfahrens zur Prüfung des Lesens, der Lesegenauigkeit und des Leseverständnisses beurteilt. Die spezielle Art des Leseproblems hängt ab vom erwarteten Niveau der Leseleistungen, von der Sprache und vom Schrifttyp. In den frühen Stadien des Erlernens einer alphabetischen Schrift kann es Schwierigkeiten geben, das Alphabet aufzusagen, die Buchstaben korrekt zu benennen, einfache Wortreime zu bilden und bei der Analyse oder der Kategorisierung von Lauten (trotz normaler Hörschärfe). Später können dann Fehler beim Vorlesen auftreten, die sich zeigen als

1. Auslassen, Ersetzen, Verdrehungen oder Hinzufügen von Worten oder Wortteilen.
2. Niedrige Lesegeschwindigkeit.
3. Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text
    und ungenaues Phrasieren.
4. Vertauschung von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in den Wörtern.
5. Einer Unfähigkeit, Gelesenes wiederzugeben.
6. Einer Unfähigkeit, aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu
    sehen.
7. Im Gebrauch allgemeinen Wissens als Hintergrundinformation anstelle von
    Information aus einer Geschichte beim Beantworten von Fragen über die gelesene
    Geschichte

 

F81.1   Isolierte Rechtschreibstörung

Das Hauptmerkmal dieser Störung besteht in einer umschriebenen und eindeutigen Beeinträchtigung in der Entwicklung von Rechtschreibfertigkeiten, ohne Vorgeschichte einer umschriebenen Lesestörung. Sie ist nicht alleine durch ein zu niedriges Intelligenzalter, durch Visusprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar. Die Fähigkeiten, mündlich zu buchstabieren und Wörter korrekt zu schreiben, sind beide betroffen. Einfache Probleme mit der Handschrift sind hier nicht zu verschlüsseln. Jedoch können in einigen Fällen Rechtschreibschwierigkeiten von Schriftproblemen begleitet sein. Anders als bei den umschriebenen Lesestörungen sind die Rechtschreibfehler meist phonetisch akkurat.

 

 

 

 

 

 

Gesamtheit aller Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausschluss-Diagnostik

 

 

LRS bei

Mindebegabung
mit allgemeiner
Lernschwäche

 

 

LRS bei

neurologischen
Erkrankungen:
Aphasie
Agraphie
CP
Sehbehinderung
Hörbehinderung

 

LRS bei

primärer
psychiatrischer
Erkrankung mit
Lernleistungs- störung

 

LRS bei

Deprivation und
mangelnder
Lese-
Rechtschreib-
Unterrichtung
Analphabetismus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Umschriebene Lese- und Rechtschreibschwäche Legasthenie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Multikausale Verursachung der LRS

 Quelle:  Verstehen, Beobachten und gezieltes Fördern von LRS-Schülern, von Klaus Kleinmann, Borgmann-Verlag

Sprache und Schrift stellen mit die komplexesten und höchsten Funktionen in der Phylogenese und Ontogenese des Menschen dar.
Eine Störung dieser Funktionen ist im seltensten Falle auf einen ursächlichen Faktor zurückzuführen. Zwar werden heute noch in der Frage nach der Ursache für LRS bzw. Legasthenie nach wie vor, teilweise recht unterschiedliche Standpunkte vertreten, jedoch weisen alle wissenschaftlich fundierten Untersuchungen und Ergebnisse auf eine multifaktorielle Entstehung hin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Perinatale Einflüsse

 

Milieunahe Faktoren

  • ungewollte oder “aufregende” Schwangerschaft
  • toxische Einflüsse in der Schwangerschaft
  • Risikoschwangerschaft
  • extrem langer Geburtsvorgang
  • Frühgeburt (Brutkasten)
  • zu späte Geburt
  • Sauerstoffmangel bei der Geburt
  • Hepatitis u.a. Krankheiten
  • Steißlage, Zangengeburt
  • Trennung von der Mutter

 

 

  • Erbfaktoren für LRS
  • anregungsarmes Milieu
  • mangelnde Sprachkultur, Dialekt
  • zweisprachiges Elternhaus
  • Beziehungsprobleme in der Familie
  • Erziehungsfehler
  • z.B. mangelndes Regelbewusstsein
  • Geschwisterrivalität;
  • Überhöhte Leistungsanforderung
  • zu frühe Einschulung
  • Schulwechsel, evtl. mehrfach
  • lange Fehlzeiten (v.a. 1. Schuljahr)
  • übertriebener Medienkonsum;
  • Freizeitstress
  • sensomotorische Anregungsarmut
  •  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schulische Faktoren

 

Entwicklungsfaktoren

  • zu hohe Klassenfrequenzen
  • Lehrerwechsel, evtl. mehrfach
  • Unterrichtsausfall
  • methodische Fehler in Anfangsunterricht
  • Beziehungsprobleme zw. Eltern/Lehrer/Kind
  • hoher Leistungswettbewerb in der Klasse
  • Herausbildung von negativen Rollen (Außenseiter, Stars)

 

  • verzögerte/überhastete Entwicklung
  • überspringen der Krabbelphase
  • verspätetes Sprechenlernen
  • defizitäre Sprachbeherrschung
  • Artikulationsmängel
  • Auffälligkeiten der Grob- u. Feinmotorik
  • mit acht Jahren noch keine klare Seitenpräferenz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

psychosozial bedingte Auffälligkeiten

 

Wahrnehmungsauffälligkeiten

  • mangelndes Regelbewusstsein
  • Konzentrationsprobleme
  • Motivationsprobleme
  • Angst; Impulsivität
  • geringe Frustrationstoleranz
  • Kleinkindhaftigkeit
  • Depressivität, Hyperaktivität
  • Gedächtnismängel

 

  • periphere oder zentrale Störungen z.B. Hyper- oder Hyopsensibilität
  • und andere Defizite bei
    - Gleichgewichtswahrnehmung,
    - Tastsinn, Propriozeption
    - Sehen (auch: gestörte Augenmotorik
    - Hören (auch: Fehlhörigkeit)
    - gestörte Seitigkeitswahrnehmung,
    - Raum-Lage-Labilität

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ätiologische Faktoren

  • Gestörte Kontrolle des Binokularsehens
  • Genetischer Erklärungsansatz bei Legasthenie
  • Dysfunktionen der Augenbewegungen
  • Neurobiologische ätiologische Grundlagen
    Neurophysiologische Befunde
  • Dysfunktionen der Lateralisationsprozesse
  • Einfluss sozialer Faktoren
  • Einschränkungen der Gedächtnisfunktionen
  • Zentrale Fehlhörigkeit
     

I. Gestörte Kontrolle des Binokularsehens

Binokularsehen = simultanes Sehen mit beiden Augen mit Verschmelzung (Fusion) der beiden Bildeindrücke zu einer sinnvollen Wahrnehmung

Damit also ein korrekter binokularer Seheindruck besteht, muss das Sehobjekt auf korrespondierende Stellen der beiden Netzhäute abgebildet werden. Hierfür müssen sich natürlich beide Augen auch konform bewegen.

Bei ca. 75% der Menschheit gibt es hier geringe Unterschiede, die jedoch zentral kompensiert werden. Dies geschieht dadurch, dass ein Auge als Führungsauge fungiert und das andere entsprechend einstellt. Ist diese Kompensation nicht möglich wird der Seheindruck des anderen Auges unterdrückt.

Bei Legasthenikern ist dieses Kontrollsystem gestört. Hier werden die Seheindrücke abwechselnd oder auch gleichzeitig gehemmt weil keine Dominanz ausgeprägt ist. Auch ist teilweise das motorische Führungsauge nicht mit dem Führungsauge beim Lesen identisch.

Bei der Regulierung des beidäugigen Sehens spielt das vegetative Nervensystem eine wichtige Rolle. Es steuert die Reflexe die vor allem in der Nahsituation das Sehen optimieren (Verengung der Pupillen, Akkomodation, Konvergenz). Somit können Störungen des vegetativen Nervensystems für Leseschwäche mitverantwortlich gemacht werden. Folgen bei solchen Problematiken sind Einschränkungen bei stereoskopischen Seheindrücken und des öfteren auch asthenopische  Beschwerden.

II.  Genetischer Erklärungsansatz bei Legasthenie

Für genetische Disposition sprechen Ergebnisse aus Familienstudien, Zwillingsstudien, Chromosomen-Anomalien etc.
Hinweise sind zum Beispiel:

 

 

  • die Knabenwendigkeit sechs bis achtmal soviel Jungen wie Mädchen betroffen)
  • 100% Symptom-Konkordanz bei eineiigen Zwillingen
  • Genorte auf Chromosom 1, 2, 6 und 15 werden zur Zeit diskutiert
  • familiäre Häufung

Je nach Untersucher bzw. Quelle werden folgende familiäre erbliche Häufungen angegeben:

 

 

  • M. Linder  40%
  • L. Dornheim  37%
  • A. Warnke    30 – 60 %
  • H. Rosenkötter 60 %

 

 

 

 


Häufig parallel auftretende Entwicklungsauffälligkeiten bei Legasthenikern:

 

 

  • Vererbte Linkshändigkeit
  • Sprachentwicklungsstörungen
  • Allergische Erkrankungen
  • Lateralisationsstörungen
  • Mangelnde Fähigkeit der phonologischen Decodierung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Insgesamt ist heute der Schluss gerechtfertigt, dass zumindest bei einer Subgruppe von Legasthenikern bzw. umschriebener Lese-Rechtschreibschwäche ein autosomal-dominanter Erbgang vorliegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

III. Dysfunktionen der Augenbewegungen

Zur Erfassung von detaillierten Musterinformationen innerhalb eines großräumigen Umfeldes muss der Mensch eine Reihe von Fixationen ausführen. Fixationen haben die Dauer von ca. 200 msc bis 300 msc. Sie werden durch ruckartige Augenbewegungen (Sakkaden mit einer Dauer von ca. 20 msc bis 50 msc) getrennt. Diese beiden Aufgaben bzw. Leistungen werden durch zwei funktionell verschiedene visuelle Systeme gewährleistet.

Parvozelluläres (P) oder tonisches (“sustained”) System,
welches gekennzeichnet ist durch:

 

  • Zellen haben kleine, langsam leitende Fasern
  • tonischer Antwort auf gleichbleibenden Kontrast
  • Bevorzugung von ruhenden Reizen bzw. langsamen Bewegungen
  • spezialisiert auf Verarbeitung von detaillierten Musterinformationen
     (feine Textur, feines Stereosehen, feine Details)
  • für Farben empfindlich

Magnozelluläres (M) oder phasisches (“transient”) System,
welches gekennzeichnet ist durch:

 

  • Zellen haben große, schnell leitende Fasern
  • Bevorzugung von großen und sich rasch bewegenden Reizen
  • Spezialisiert auf Verarbeitung von gröberen Musterinformationen und flimmernden Reizen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die P- und M-Bahnen entspringen aus den A- und B-Ganglienzellen der Netzhaut. Von dort erfolgt die Projektion in zwei getrennte Schichten des CGL (Corpus geniculatum laterale oder seitliche Kniehöcker des Thalamus) und weiter zum primären visuellen Cortex. Die P-Bahn projiziert dann zum inferotemporalen Cortex, während die M-Bahn zum parietalen Cortex projiziert. Trotz dieser Trennung sind beide Systeme teilweise auch verbunden. Ebenfalls üben beide Systeme eine hemmende Wechselwirkung aus.

Das visuelle Verhalten beim Lesen beruht auf Fixations-Sakkaden-Folgen. Das phasische System hemmt die langsam abfallende Aktivität des tonischen Systems und verhindert dadurch eine Überlagerung der Seheindrücke. Um zu einer stabilen und gut getrennten Wahrnehmung zu gelangen bedarf es also:

  • Die Vergenzstellung muss nach dem Ende eines Blicksprunges so lange
  • stabilisiert bleiben, bis das Wort/Wortbild erkannt ist, und
  • Um eine Überlagerung der Seheindrücke zu vermeiden, muss die
  • Wahrnehmung kurzzeitig unterbrochen werden (sakkadische Suppression).

Blicksprünge erfolgen im Normalfall (beim Lesen) gezielt von links nach rechts mehrmals in einer Zeile. Bei einer großen Anzahl von legasthenen Kindern (70%!) bewegen sich die Augen aber in unregelmäßig langen Blicksprüngen und auch in zufälliger Weise nach links oder rechts. Ihre Fixationszeiten sind variabler und länger, sie haben kürzere Sakkaden und vermehrt Regressionen (rückwärtsgerichtete Sakkaden). Die bisherigen Befunde zeigen ein Defizit des phasischen Systems jedoch nicht des tonischen Systems. Durch die mangelnde Hemmung des phasischen Systems kommt es somit bei Legasthenikern zur mangelnden Trennung der Seheindrücke.

 

 

IVa. Neurobiologische  Grundlagen

 

 

 

 

 

Veränderungen der zellulären Struktur der Hirnrinde
Besonders im Bereich der linken Sylvischen Fissur (Gegend des Schreiblesezentrums) bestehen Zelldysplasien (Galaburda). Aufgrund der Art der histologischen Veränderungen wird eine fetale Genese (letzte zwei Monate vor Geburt) angenommen.
 

Veränderungen der zellulären Struktur der Kniehöcker
Sowohl im Corpus geniculatum laterale als auch im Corpus geniculatum mediale wurden Zelldysplasien vorgefunden. Im CGM von Legasthenikern wurden weniger große Zellen, die vor allem für die Verarbeitung rascher Informationen zuständig sind (z.B. das Erkennen von Stopkonsonanten wie “b”, “k”, oder “t”), gefunden. Das magnozelluläre System der Sehbahn war im CGL von Legasthenikern um bis zu 30% kleiner ausgebildet. Da dies der einzigste Ort ist, wo sich Hör- und Sehbahn berühren, besteht hierzu evt. das anatomische Korrelat für die oft vorhandene gleichzeitige Beeinträchtigung von akustischer und visueller Informationsverarbeitung.
 

Planum temporale
Das Planum temporale liegt hinter der Heschl`schen Querwindung und verarbeitet die dort eintreffenden akustischen Informationen weiter (Erkennung von Worten aus Lauten). Das Planum temporale ist die am stärksten ausgeprägte asymmetrische Region des Gehirns (sie ist schon im letzten Drittel der Schwangerschaft nachweisbar). Bei vielen Legasthenikern ist diese Asymmetrie aufgehoben. Erklärt wird diese Aufhebung der Asymmetrie durch Beeinträchtigung der linken Hemisphäre während der intrauterinen Entwicklung, wobei es rechtsseitig zu einer kompensatorischen Vergrößerung kommt.
 

Balken (Pons)
Neben den bisher aufgeführten neurobiologischen Befunden, wird auch eine schwächere Ausbildung der Verbindung beider Hemisphären (Corpus callosum) diskutiert. Zwar liegen einige Befunde vor, sie sind jedoch zur Zeit noch zu uneinheitlich.
 

IVb. Neurophysiologische Befunde

Hirndurchblutung
Es wurden eine verminderte Durchblutung des linken hinteren Schläfenlappens, des Corpus callosums sowie eine unphysiologische symmetrische Durchblutung in der präfrontalen Rinde und im Schläfenlappen-Bereich gefunden.

Elektrophysiologische Aktivitäten
Diskutiert wird eine Störung im linken parieto-tempero-okzipitalen Übergangsbereich (Gyrus angularis und supramarginalis). Diese Region ist wichtig für die Integration sprachlicher und visueller Informationen.

 

 

 

 

 

V. Dysfunktionen der Lateralisationsprozesse

Die in der breiten Öffentlichkeit wohl bekannteste Hypothese hinsichtlich der Ätiologie der Legasthenie bzw. der Lese-Rechtschreibstörungen bezieht sich auf gestörte Abläufe der zerebralen Dominanzentwicklung (Lateralisation).

Diese Hypothese geht zurück auf Orton (1937), der ein gehäuftes Auftreten von Linkshändern bzw. Kindern ohne klare Seitenpräferenz bei Legasthenie feststellte.

Auch Klasen konnte in Untersuchungen diese Aussagen bestätigen, wobei andere Studien dies nicht replizieren konnten.
Nach heutigem Stand haben teilweise Legastheniker Störungen der Dominanzentwicklung aber in kaum größerem Ausmaß als Nichtlegastheniker. Augenmerk sollte mehr auf das Vorhandensein von gekreuzten Dominanzen (Hand – Ohr) gelegt werden. Dieser Konstellation wird eher eine verursachende Wirkung beigemessen.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass gerade “Techniken” bzw. “Methoden” die teilweise speziell diese Aspekte in den Vordergrund stellen (Lateralisationsdefizite als Ursache der Legasthenie) innerhalb unserer Gesellschaft (insbesondere unter sogenannten LRS-Therapeuten) jedoch eine große Verbreitung erfahren haben.

Es wird jedoch von wissenschaftlicher Seite aus (z.B. Deutscher Verband der Psychologinnen und Psychologen etc.) gerade vor der massiven Überbewertung dieser “Techniken” bzw. “Methoden” gewarnt.
Die finanzielle Belastung, bestimmte Kurse zu besuchen oder bestimmte Geräte zu Hause einzusetzen, die auf die Eltern zukommt ist erheblich vor allem beim bisherigen wissentschaftlichen Wissenstand dann auch in keinem Kosten-Nutzen Verhältnis.


Viele dieser Techniken, Kurse und Geräte halten keiner seriösen wissentschaftlichen Untersuchung stand und viele der Anbieter weigern sich diese Theorien in einer breit angelegten Studie zu beweisen.
 

VI.  Einfluss sozialer Faktoren

Es gilt als gesichert, dass soziale Faktoren einen deutlichen Einfluss auf die Lese- und Schreibentwicklung ausüben. Kinder aus ungünstigen sozialen Verhältnissen (Deprivation!) haben besonders Probleme. Obwohl diese ungünstigen sozialen Faktoren für die allgemeine Entwicklung generell gelten, sind einige Bedingungen speziell für die Aneignung der Schriftsprache von großer Bedeutung. Vor allem der Anregungsreichtum innerhalb der Familie für das Lesen und Schreiben hat primäre Bedeutung (Vorlesen, innerfamiliärer Umgang mit Lesen und Schreiben, Hausaufgaben/Schulunterstützung durch die Eltern etc.).

Auch wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen exzessiven Fernsehkonsum (mehr als drei Stunden täglich) und Lese-Rechtschreibstörungen festgestellt. Hierzu ist zu erwähnen, dass sich die Gegebenheiten des Fernsehens (Zoomwechsel, Szenenwechsel, Schnittfolgen, Winkelveränderungen etc.) in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich verändert haben. So werden heute bis zu zehnmal mehr visuelle Informationen im gleichen Zeitraum übermittelt wie vor zwanzig Jahren.

Auch die vorgeburtliche psychosozialen Situationen spielen eine Rolle. Stresszeiten während der Schwangerschaft korrelieren mit Lernschwierigkeiten und aggressiven Verhalten.
 

VII. Einschränkungen der Gedächtnisfunktionen

Bei Legasthenikern bestehen vor allem Störungen der Gedächtnisleistungen bei verbal-auditiven Material. Auch visuelles Material (Buchstaben etc.) werden teilweise schlechter erinnert. Neben der Problematik der zu geringen Speicherkapazität (visuell und auditiv) bestehen beim Legastheniker Schwierigkeiten Informationen vom Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis zu transferieren. Hierzu scheint beim Legastheniker eine deutlich erhöhte Wiederholungsfrequenz nötig zu sein. Es sollte hierbei jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass Aufmerksamkeitsleistungen einen starken Filter für Gedächtnisleistungen darstellen.
 

VIII.  Störungen der sensomotorischen Voraussetzungen

Für das Entstehen von Schriftsprache bedient sich der Mensch seiner sensomotorischen Voraussetzungen (Ayres 1984).

Optisch und akustisch wahrnehmbare und motorisch herzustellende Zeichen dienen als Kodeträger für Gedanken. Hierdurch sind aktuell-reale Sinneseindrücke für konkretes Handeln immer weniger notwendig.

Zwischen Wahrnehmen und Verstehen von Sprache besteht eine untrennbare Verbindung. Sprache ist nur zu verstehen, wenn sie gefüllt werden kann mit exakten sinnlichen Wahrnehmungen. Die Vorbereitung für das Lesen- und Schreibenlernen beginnt also bereits lange vor dem Schulbeginn.

Spezifische sensomotorische Leistungen für den Lese- und Schreibprozess sind:
- Sprechkinästhesie
- Schreibkinästhesie
- Auge-Hand-Koordination

Sprechkinästhesie und Schreibkinästhesie sind maßgeblich an der gedächtnismäßigen Speicherung von Laut-, Wort- und Satzschemata beteiligt.
Sensomotorische Förderung innerhalb der Lese-Rechtschreibförderung hat somit einen zentralen Stellenwert.

Teilweise werden sogar besondere Formen der LRS auf sensomotorische Störungen zurückgeführt. So sprechen Frank und Levinson von einer “dysmetrischen Dyslexie”. Das neurophysiologische Korrelat dieser LRS sehen sie in einer vestibulären-zerebellären Dysfunktion.
 

IX.  Zentrale Fehlhörigkeit

Unter zentraler Fehlhörigkeit versteht man einen qualitativen Hörverlust im Bereich der zentralen Hörbahn bei normaler Hörschwelle.

Wirkungen einer Mittelohrschwerhörigkeit (Schalleitungsstörung)
Quelle:  Legasthenie Fachkongreßbericht 1993, von Esser und Wurm-Dinse

Wirkungen einer zentralen Fehlhörigkeit
Quelle:  Legasthenie Fachkongreßbericht 1993, von Esser und Wurm-Dinse

 

 

 

Bei der zentralen Fehlhörigkeit ist die Wahrnehmung von lauten und leisen Tönen praktisch unbeeinflusst. Geräusche werden erheblich lauter als normal gehört und Signale mit Geräusch Charakter z.B. gesprochene Konsonanten, werden lauter aber auch weniger differenziert gehört.

Die Problematik tritt vor allem in komplexen Hörsituationen auf (Cocktailparty-Effekt).
Teilleistungen der zentralen Hörstörungen sind unter anderem:

  • Auditive Aufmerksamkeitsstörung
  • Speicherstörung
  • Sequenzstörung
  • Lokalisationstörung
  • Diskriminationsstörung
  • Selektionsstörung
  • Analysestörung
  • Synthesestörung
  • Ergänzungsstörung

 

 

 

 

 

 

 

 X. Therapie

Die Therapie ist von so vielen Faktoren abhängig, dass hier nicht näher darauf eingegangen werden kann und soll. Viele Eltern wünschen sich, verständlicher weise, eine Art Raster oder Plan nachdem diese im häulichem Umfeld arbeiten können.
Diese Hilfe kann auch, in den meisten Fällen, gegeben werden.
Für eine richtige, zuverlässige Ausssage bedarf es aber der Diagnostik und der Gespräche mit dem Betroffenen und den Eltern.

Es können aber für betroffene Eltern “grundlegende” Informationen gegeben, die zum Überlegen oder Nachdenken anregen können:

  • Keinen Druck ausüben, evtl. “professionelle” Hilfe bei Hausaufgaben etc.
  • Akzeptanz der Problematik und des Kindes
  • Geduld !
  • Hilfe geben wenn nötig, nicht mehr helfen als nötig
  • klare Zeiteinteilung (Anfang und Ende sind verbindlich!), Zeiträume nicht zu lange wählen
  • Wochenende und Ferien sind freie Zeit
  • Wenn mit dem Kind geübt/gearbeitet wird dann auch dabei bleiben
  • Reizarme Umgebung für Arbeit/Übung schaffen
  • Kleine und kontinuierliche Lerneinheiten
  • Lernkartei
  • Lautes lesen fördern
  • Synchrones Mitsprechen (in Silben) beim Schreiben fördern